Ferry erklärt die Welt des Altmetalls: Zinn

Hallo, ich bin der Ferry, eine der vielen fleißigen AmEisen auf dem Schrottplatz von Altmetalle Kranner. Meine Kollegen meinen, ich bin ein Naturtalent beim Erzählen und sollte das sinnvoll einsetzen. So zum Beispiel, um Euch in die Welt des Zinns, der Zinnfiguren, des Lötzinns oder des Zinngeschirrs zu entführen. Und da ich am Schrottplatz von Kranners arbeite darf die Wiederverwertung – das Recyceln von Zinn – natürlich nicht fehlen.

Mein Großvater hat sehr gern Bier getrunken, aber meine Großmutter mochte das gar nicht. Nur auf der Baustelle beim Hausbauen hat sie es ihm erlaubt. Großvater hat noch den Krieg miterlebt, er wusste um den Wert von Rohstoffen, vor allem von Metallen. Es wäre ihm nie in den Sinn gekommen, aus einem Zinnkrug sein Bier zu trinken, dafür war der Zinnkrug viel zu wertvoll.
Meine Großeltern sind nie viel gereist. Aber die paar Mal als sie Urlaub gemacht haben, da hat mein Großvater immer einen Zinnkrug als Souvenir mitgebracht. Ich mochte meinen Großvater sehr, Zinn erinnert mich an ihn.

Kupfer + Zinn = Bronze

Zinn ist weich und biegsam, neben Blei ein richtiger Softie unter den Metallen. Und das haben die Menschen zu nutzen gewusst. Bereits vor 5000 Jahren begannen sie, Kupfer und Zinn zu mischen um Bronze zu erzeugen. Zum ersten Mal in der Menschheitsgeschichte wurden zwei Metalle legiert – also gemixt – um eine besondere Eigenschaft zu erhalten. Bronze blieb dann für über 2000 Jahre in Mode und gab sogar dieser Zeit ihren Namen: Bronzezeit.

Das meiste Zinn wurde damals in Cornwall in England abgebaut und damit ganz Europa versorgt! Denn schon immer wurden Metalle global gehandelt, nicht erst seit heute.
Als Faustregel gilt: 80% aller Metalle, die jemals auf der Welt gefördert oder erzeugt wurden, sind noch immer im Umlauf. Ist das nicht genial? Bei den Metallen gibt’s die Kreislaufwirtschaft schon seit Jahrtausenden!!! Wenn Lötzinn oder auch Zinngeschirr angeliefert wird, dann komm ich immer wieder ins Sinnieren und frag mich, ob ein Teil vom Lötzinn vielleicht als Zinnbecher vor vielen Jahren als Lagerware im Schuppen eines Spenglers verbracht hat.

Apropos Spengler: Um Zinkbleche wasserdicht zu verbinden, wird immer noch gelötet. Wenn es gut gemacht wird, hält es besser als jeder Kleber. Das sogenannte Spengler-Lötzinn besteht aus 40% Zinn und 60% Blei.

 

Könnt Ihr Euch vorstellen, wie es mir in den ersten Arbeitswochen ergangen ist? Wie um alles in der Welt soll ich Zink und Zinn unterscheiden? Ist etwas verzinkt oder verzinnt? Und das ist wirklich gar nicht so leicht, wenn man einen Zink- und einen Zinnblock vor sich liegen hat. Beide sind gräulich, aber Zinn glänzt.

Am leichtesten allerdings fällt die Unterscheidung über die Verwendung: Zinn wird viel im Lebensmittelbereich, beim Löten und in der Elektrik und Elektronik eingesetzt. Zink hingegen überall dort, wo etwas nicht rosten soll.

 

Zinn hält Früchtekuchen genießbar

Da wir gerade von Lebensmittel sprechen: Ich muss Euch diese spannende Geschichte aus der Antarktis erzählen. Der Wettlauf zum Südpol begann vor etwas mehr als 110 Jahren. Die Forscher errichteten dort Hütten (Anm.: Die Hütten sind so erhaltenswert, dass sie jetzt gerade vom Inselstaat Neuseeland restauriert werden). In einer der Hütten fand man einen Früchtekuchen, eingeschweißt in einer verzinnten Konservendose. Er war stattliche 106 Jahre alt und immer noch genießbar – dank Zinn. Früher hat man Eisenblech mit einer dünnen Schicht Zinn überzogen und so die Lebensmittel vor dem Verderben geschützt. Daher rührt der Name Weißblech-Dose, der noch heute verwendet wird. Zurzeit allerdings wird das Zinn durch eine dünne Schicht Kunststoff ersetzt. Der Name Weißblech-Dose ist jedoch geblieben.
Kommen wir aber von der Antarktis wieder zurück zum Schrottplatz. Sicher wollt Ihr wissen, wie der Verkauf von Zinn funktioniert. Mittlerweile kenn ich mich dabei schon ganz gut aus und wie immer im Leben: Wenn man weiß, wie’s geht, ist es ganz einfach. Am einfachsten ist es beim Zinngeschirr.

Im Idealfall hat es eine Prägung auf der Unterseite, die auch oft noch den Zinngehalt angibt. Bei Zinngeschirr gehen wir von 90 bis 95% reinem Zinn aus. Da braucht man noch keine Schrott-AmEisen zu sein, um das zu kapieren.

 

Zinn am Klang erkennen

Aber Vorsicht! Da Zinn ja sehr teuer ist, wird stattdessen auch Blei oder Zink verwendet und so bearbeitet, dass es ähnlich wie Zinn aussieht. Am Anfang fiel mir die Unterscheidung nicht leicht, sag ich Euch. Mit der Zeit bekommt man aber ein Gefühl dafür und wenn ich mir nicht ganz sicher bin, dann lass ich es fallen und kann es am Klang erkennen. Und wenn ich mir dann noch immer nicht sicher bin, ob es Zinn, Zink oder Blei ist, dann gibt’s ja noch immer unseren Wunderwuzzi – unsere „Pistole“ – wie wir unser Analysengerät nennen. Damit können wir den Zinngehalt ganz genau bestimmen.

Wisst Ihr, was mir in der Zeit, seit ich bei Altmetalle Kranner am Schrottplatz arbeite, noch nie untergekommen ist? Zinnfiguren. Dabei hätten die mich sehr interessiert. Ich denke, alte echte Zinnfiguren sind wahrscheinlich so wertvoll, dass sie gar nicht auf den Schrottplatz kommen, sondern als Antiquitäten gehandelt werden.

Jetzt schweife ich allerdings ab. Die Mengen an Zinn, die für Zinnfiguren oder Zinngeschirr benötigt werden, sind wohl vernachlässigbar. Der Hauptverbraucher von Zinn ist die Industrie, unter anderem die Elektronikindustrie. Ohne Zinn könntet Ihr meine Zinngeschichte auf dem Computer gar nicht lesen, denn viele Teile auf einer Printplatte werden noch immer angelötet – mit feinstem Zinn, teilweise sogar mit Silber legiert.
Da werd´ ich doch glatt noch sentimental: Vielleicht leben ja die Zinn-Bierkrüge meines Großvaters als Lötstelle in meinem Computer weiter?


Für alle, die so wie ich einfach immer noch mehr wissen wollen, hier meine persönliche Link-Sammlung:

 

 

    • Ein fast unerschöpfliche Quelle für Informationen über Zinn ist die Website der international tin associazion Link