Zinn – in Ritterburg und Computer mit dabei

06.10.2011

Auf unserer Erde gibt es nur eine Handvoll Metalle. Die meisten davon kennen und verwenden wir Menschen schon seit Jahrhunderten, manche seit Jahrtausenden. Mit dieser Handvoll Metalle – im wesentlichen sind das Eisen, Kupfer, Aluminium, Zink und Zinn – hat die Menschheit alle technischen Veränderungen umgesetzt. Die Metalle wurden in immer neuer Art und Weise eingesetzt.

Am Beispiel Zinn lässt sich das wunderbar aufzeigen. Wir gehen zurück ins Mittelalter und vor unserem geistigen Auge sehen wir die Ritter um die runde Tafel versammelt. Den Zinnbecher mit Wein gefüllt prosten sie sich gegenseitig zu. Zurück im Hier und Jetzt drehen wir den Computer auf um herauszufinden wo man so einen alten Zinnbecher kaufen könnte. Dabei ist uns gar nicht bewusst, dass viele Teile auf der Printplatte mit Lötzinn – einer Legierung aus ca 97% Zinn und 3% Silber – befestigt wurden.
Unsere Nachforschung ergibt, dass das alte Zinngeschirr – oder auch Zinngerät genannt – schwer zu finden ist. Wurde es unansehnlich, hat man es einfach eingeschmolzen und wieder neues Geschirr daraus gegossen. Vielleicht war das Lötzinn im Computer in einem seiner früheren Leben ein Zinnbecher auf einer Burg. Die Burg ist inzwischen zur Ruine verkommen, aber das Zinn lebt immer noch im elektronischen Gerät. 
Der Ausdruck „lebt“ ist nicht übertrieben, spricht man doch auch vom sogenannten Zinnschrei: verbiegt man reines Zinn, hört man ein leises Knistern. Das ist – wenn man keine technischen Hilfsmittel zur Verfügung hat – ein Erkennungsmerkmal für reines Zinn. Zinn wird fast immer mit anderen Metallen legiert, denn in reiner Form ist es sehr anfällig für die Zinnpest. Werden 13,2°C unterschritten, verändert sich reines Zinn. Es entstehen große und kleine Flecken, gefolgt von warzenartigen Bläschen an der Oberfläche, die bei leichter Berührung auseinanderfallen.
Gerade Orgelpfeifen, die man wegen des reinen Klanges und schönen silbrigen Glanzes früher fast ausschließlich aus reinem Zinn herstellte, waren besonders oft von der Zinnpest befallen. Weniger begüterte Gemeinden verwendeten für die sakralen Handlungen statt Kelchen und Tabernakel aus Silber solche aus Zinn. Später zeigte auch das Bürgertum seinen Reichtum indem es Zinngeschirr benützte. Immer dann wenn Silber zu kostbar war, kam Zinn zum Zug. Man sprach vom Silber des kleinen Mannes.

Und noch eine beliebte Verwendung von Zinn hat seinen Ursprung im Bereich der Religion. Man nimmt an, dass Zinnfiguren als Pilgerzeichen die Vorläufer der Zinnsoldaten waren.

Aber erst ab Mitte des 18. Jahrhunderts trat die Zinnfigur ihren Siegeszug in die Kinderzimmer an. Gedacht waren sie als Lernspielzeug, um zum Beispiel das richtige Rollenverhalten von Mann und Frau vorzuführen. Ab Mitte des 19. Jahrhunderts reduziert sich das Angebot an Zinnfiguren auf Zinnsoldaten.
Reines Zinn ist für Lebensmittel absolut unbedenklich. Wenn sie das nächste Mal eine Gemüsekonserve öffnen, betrachten sie doch einmal die Innenseite: sie glänzt hell, fast weiß. Dabei handelt es sich um verzinntes Eisenblech, auch Weißblech genannt. Das Zinn verhindert das Rosten und hält die Lebensmittel steril.

Und auch die aus der Küche nicht mehr wegzudenkende Alu-Folie hat ihren Ursprung im Zinn. Sicherlich kennen Sie den Ausdruck Stanniolpapier: Stannum ist der lateinische Name für Zinn. Bevor man Aluminium verwendete, stellte man in einem sehr aufwendigen Verfahren eine Zinnfolie, das sogenannte Stanniolpapier, her. Damit konnte man zum Beispiel Tabak, Seife oder auch Schokolade einwickeln und aufbewahren.
Streifen aus Stanniol wurden beim Militär als Täuschkörper zum Schutz vor Radarerfassung eingesetzt und werden noch heute als Lametta auf dem Christbaum angebracht.

Unser Leben ist ohne Metalle nicht denkbar. Manche – wie das Zinn – sind stille Wegbegleiter, vielseitig einsetzbar, wachsen mit ihren Aufgaben und können immer wieder im Kreislauf geführt werden.